Mann auf Bank vor See

Wenn Männer nach Worten suchen

29.10.2025 | Lesezeit: 2 min

Ein neues Licht auf das Gefühlsleben von Männern

Neun irische Männer, neun Gespräche über das, was schwer zu sagen ist. Forscher der Universität Dublin wollten verstehen, wie Männer ihre eigenen Gefühle wahrnehmen und benennen. Nicht mithilfe von Fragebögen oder Skalen, sondern durch offene Gespräche. Das Ziel: die gelebte Erfahrung emotionaler Differenzierung, also die Fähigkeit, ein Gefühl präzise zu erkennen und in Worte zu fassen.

Diese Fähigkeit gilt als Schlüssel für seelische Gesundheit. Wer fein unterscheiden kann, ob er traurig, enttäuscht oder gekränkt ist, reguliert seine Emotionen meist besser. Doch wie fühlt sich dieser Prozess selbst an und warum fällt er vielen Männern so schwer?

Zwischen Körper und Sprache

Das Team arbeitete mit einem hermeneutisch-phänomenologischen Verfahren, das sich auf das Erleben konzentriert, nicht auf Zahlen. Die Männer wurden gebeten, in Echtzeit zu beschreiben, was sie gerade fühlen. Schon dieser Moment veränderte vieles.

Einige berichteten, dass sie sich durch die Frage aus dem Gleichgewicht gebracht fühlten. Es brauchte Sekunden der Stille, bevor überhaupt ein Gefühl greifbar wurde. Manche „scannten“ innerlich ihren Körper, spürten Druck in der Brust oder eine Spannung in den Händen.

Dann begann das Ringen um Worte. Kaum jemand konnte sofort benennen, was da war. Sprache half, Ordnung ins Chaos zu bringen – und störte zugleich. Viele beschrieben, dass das Gefühl im Moment des Sprechens zu verschwinden schien. Erst das Reden, das immer wieder neu Ansetzen, brachte allmählich Klarheit.

Wenn Worte fehlen

Fast alle Männer sprachen über die Grenzen der Sprache. Gefühle ließen sich nur annähern, nie ganz fassen. Manche empfanden es als schmerzhaft, etwas so Lebendiges in Worte pressen zu müssen. Andere hielten das Unaussprechliche aus und entdeckten darin Ruhe.

Besonders eindrucksvoll waren Erzählungen intensiver Erlebnisse: die Erleichterung nach einer überstandenen Krankheit eines Angehörigen, das erste klare Bewusstsein nach Jahren des Trinkens. Worte reichten nicht, um die Wucht solcher Momente zu tragen. Doch im Versuch, sie zu beschreiben, wurde spürbar, wie eng Emotion und Bedeutung miteinander verwoben sind.

Emotionen in der Praxis

Viele Teilnehmer gaben an, dass sie über das Thema zuvor kaum nachgedacht hatten. Einige erkannten im Gespräch, wie begrenzt ihr Vokabular war: „glücklich, traurig, wütend, nervös“. Negative Gefühle machten das Differenzieren besonders schwer. Wer unter Druck steht, will meist nur, dass das Gefühl aufhört. Erst wer innehält, kann unterscheiden, was eigentlich los ist.

Die Forscher verweisen auf Achtsamkeit als möglichen Weg: Wer lernt, die eigenen Regungen still zu beobachten, kann sie eher in Worte fassen. Emotionale Differenzierung ist demnach keine feste Eigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die wachsen kann.

Männlichkeit und das Schweigen

Ein zentrales Ergebnis: Das Sprechen über Gefühle ist immer auch sozial geprägt. In der irischen Kultur – und wohl nicht nur dort – gilt emotionale Zurückhaltung noch immer als männlich. Viele der Männer beschrieben den inneren Konflikt, wenn sie Zärtlichkeit, Trauer oder Angst ausdrücken wollten.

Gleichzeitig zeigte sich, wie befreiend das Benennen sein kann. Manche erlebten, dass sie in Beziehungen erst durch das präzise Aussprechen verstanden wurden. Andere beschrieben, wie sich alte Selbstbilder lösten, wenn sie ihre Gefühle genauer erkannten.

Warum das wichtig ist

Die Studie legt nahe, dass die Fähigkeit, Emotionen zu differenzieren, weit über das eigene Befinden hinausreicht. Sie beeinflusst, wie Menschen Beziehungen gestalten, Konflikte lösen und Hilfe suchen. Vor allem bei Männern kann der Mangel an emotionaler Sprache zur inneren Isolation beitragen – und im schlimmsten Fall psychische Krisen verschärfen.

Das Forschungsteam plädiert für Ansätze, die Sprache, Körper und soziale Einflüsse gemeinsam betrachten. Psychologische Arbeit, Achtsamkeitstraining und kulturelle Kampagnen könnten voneinander lernen, wie Männer wieder Zugang zu ihren Gefühlen finden.


Original-Artikel: Seaver O’Leary, D., & McAuliffe, A. (2025). Am I OK? Investigating the lived experience of emotional differentiation in a sample of Irish men. Counselling and Psychotherapy Research, 25, e70030. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/capr.70030